Ein Hund hat im Leben
nur ein Ziel:
sein Herz zu verschenken.

(J. R. Ackerley)

Sind Tierschutzhunde dankbar?

Neuerdings folge ich Susie Last auf Facebook, einer Tierheilpraktikerin, Hundetrainerin, Animal-Coach. In ihren "Dogtalks" spricht sie unter anderem auch über verschiedene Themen aus dem Bereich Tierschutzhunde. Ihr Dogtalk "Mitleid und Dankbarkeit" hat mich zu diesem Artikel inspiriert. Dazu habe ich durchaus etwas zu erzählen, und da mein Feedback etwas zu lang für die Kommentarspalte bei Facebook wäre, tobe ich mich eben hier aus.

Wer unsere Geschichte kennt und/oder auf meiner Webseite schon ausführlich gestöbert hat, weiß, dass unser erster "richtiger" Tierschutzhund Kari eigentlich in erster Linie deswegen zu uns kam, weil er Sandy so ähnlich sah. Zumindest war das der Auslöser für einen Haufen Gefühle, und ja, es war natürlich jede Menge Mitleid. Da war ein Hund wie Sandys Spiegelbild, nur dass er eben nicht geliebt und umsorgt wurde, sondern seit Jahren in einem kleinen Zwinger in Ungarn hockte und sich niemand für ihn interessierte. Das war für mich unerträglich. Und so machte ich das möglich, was ich eigentlich immer für unmöglich gehalten hatte: unsere Sandy zu vergesellschaften. Rückblickend war das die beste Entscheidung, die ich hätte treffen können. Manches Mal denke ich, dass ich schon viel früher einen Zweithund hätte anschaffen sollen, um die Situation mit Sandy zu entschärfen. Aber dann wäre es nicht Kari gewesen... Nun, es war alles gut so, wie es war.

Erwartungen an den Tierschutzhund

Ich kann mich nicht mehr wirklich erinnern, ob ich irgendwelche Erwartungen an Kari hatte oder an die Lebenssituation mit nunmehr zwei Hunden. Ich glaube aber, dass ich relativ gut vorbereitet und ohne große Illusionen war. Ich hatte eingeplant, dass es nicht glatt laufen könnte und ich vielleicht eine Zeitlang oder für immer zwei Spaziergänge mit je einem Hund machen würde.

Vermutlich ging ich davon aus, dass Kari in irgend einer Form eines Tages so etwas wie "dankbar" sein würde. Oder sagen wir: Glücklich über sein neues Leben. Und ich weiß, dass es vermenschlicht gedacht ist, wenn ich behaupte, wenn ich Dankbarkeit und Liebe in jedem seiner Blicke gespürt habe, nachdem er erst einmal begriffen hatte, wie ihm geschehen war: dass sein Leben nun wirklich begonnen hatte.

Seine Augen in den ersten Tagen bei uns war irgendwie leer. Ich habe mir und anderen das immer so erklärt, dass er sich quasi selbst "ausgeknipst" hatte, um die Monotonie in seinem Shelter-Dasein aushalten zu können. Bei uns lernte er zu spielen, er lernte Gras unter den Pfoten kennen und lieben - bis zu seinem letzten Tag schmiss er sich fortan bei jedem längeren Spaziergang in die Wiese und wälzte sich ein wenig aus purer Lebensfreude hin und her. Wenn man ihn streichelte, stand er ganz still und bog den Nacken, oder aber er lag dahingestreckt, genießend, mit wohligem Seufzen.

Er vermittelte mir sehr oft das Gefühl: "Mann, bin ich froh, dass ich hier bin! Das ist alles so schön!"

Sookie war und ist da ganz anders. Sie war wohl einfach zu jung, hatte wohl keine – oder keine prägenden – schlechten Erfahrungen gemacht, und mit gerade einmal etwa sechs Monaten im neuen Zuhause kennt man noch nicht viel von der düsteren Seite des Hundelebens. Sie war von Tag Eins an eine kleine Terrorzicke mit einnehmendem Wesen, aber etwas wie Dankbarkeit würde ich ihr nicht nachsagen.

Sie spaziert – so empfinde ich es – mit einer Selbstverständlichkeit durchs Leben, die ich sonst bei Hunden vom Züchter (oder sagen wir: aus behüteten Verhältnissen) wahrnehme.

Happy, happy, happy! Thanu etwa zwei Wochen nach seiner Ankunft.

"Ich bin so froh, hier zu sein!"

Ich weiß, man kann mir nun berechtigt vorwerfen, dass ich doch gerade wieder kräftig vermenschliche und hineininterpretiere. Mag sein. Da mein Zusammenleben mit meinen Hunden aber nun mal stark gefühlsbetont und nicht rein analytisch ist, kann ich das akzeptieren und schließe nun meine Erfahrungen mit Thanu an, Karis Nachfolger.

Thanu kam, wie ihr vielleicht gelesen habt, bereits als Welpe ins Shelter und blieb dort über zwei Jahre, bis er Teil unserer Familie wurde. Also ein Hund, der hinter Gittern erwachsen wurde und nur eingeschränkten Kontakt zu Menschen hatte: als Welpe bei den medizinischen Untersuchungen und Impfungen, im Alltag beim Füttern und Reinigen des Zwingers und einmal, als die deutschen Tierschützerinnen ihn zum Fotografieren und "Ausmessen" herausholten. Er war also ein Hund ohne wirklich schlechte Erfahrungen, aber auch mit generell wenigen Erfahrungen aus absolut reizarmer Umgebung.

Als er bei uns ankam, zeigte er sich vorsichtig, aber nicht ängstlich. Von Fremden ließ er sich nicht gern anfassen, aber zu uns fand er recht schnell einen Bezug und schenkte uns sein Vertrauen. Wir konnten ihn schnell auch ohne Leine laufen lassen, und er war auch nach kurzer Zeit schon recht gut abrufbar.

In den ersten Wochen schien er immer wieder ganz ungläubig um sich zu blicken, wenn wir spazieren waren. Gras, Felder, Wald - Sonne, Wind, Regen! Er fand (und findet) es großartig. Er liebt es, gekrault zu werden. Hört man auf, schiebt er erst seinen Kopf, dann seinen Körper wieder sehr nachdrücklich unter die Hand: "Bitte, mach weiter!"

Wertschätzung trifft es vielleicht besser als Dankbarkeit?

Was also ist mein Fazit? Pauschale Aussagen sollte man zu Tierschutzhunden niemals treffen. Bei meinen Hunden empfinde ich es so, dass sie ihr neues Leben absolut wertschätzen, und natürlich fühlt sich das für mich toll an und scheint so etwas wie Dankbarkeit zu sein. Nein, sie wissen nicht, wie der Ablauf des Ganzen war. Aber sie wissen, dass sie ein trauriges, quälend langweiliges Leben hatten, und nachdem sie bei uns gelandet waren, wurde alles anders und toll. Leckeres Essen, aufregende Spaziergänge, nette Hundekumpels, Kuscheln, Streicheln, ein warmes Bett, nie wieder Frieren...

Ich bin mir durchaus im Klaren darüber, dass es im Tierschutz auch Hunde gibt, die ein Leben bei uns nie so wirklich toll finden würden. Straßenhunde, die immer selbstständig und frei waren und keinen Menschenkontakt brauchen und wollen. Gequälte Hunde, die von Menschen nichts als Schmerz und Leid erfahren haben - manche von ihnen können nie wieder vertrauen.

Nicht für jeden Hund ist seine "Rettung" ein Segen. Das müssen Tierschutzorganisationen und Adoptanten erkennen und unterscheiden können. Für jeden Hund aber, der sein Herz gern verschenken möchte, ist die Ausreise aus dem Shelter ein Jackpot - und für uns Menschen wird dieser Hund ebenfalls ein Jackpot. Wenn wir keine Erwartungen haben, ihn so akzeptieren, wie er ist und ihm helfen, im neuen Leben anzukommen.

Susie Last spricht in ihrem Dogtalk auch von der Anerkennung von anderen Menschen: "Wow, toll, dass du einen Tierschutzhund adoptiert hast!" Ich behaupte von mir, dass mir das nicht wichtig ist, aber ich gestehe auch, dass das ein Punkt ist, den ich nur schwierig reflektieren kann. Das bei mir vorherrschende Gefühl ist aber das, dass ich andere Menschen inspirieren möchte, ihr Herz für Tierschutzhunde zu öffnen. Die Gewissheit, einem Hund das Dahinvegetieren und Sterben in einem Shelter erspart zu haben, einen Hund glücklich gemacht zu haben, ist ein dauerhaft wärmendes Gefühl im Bauch. Nach Karis Tod war es mir ein Trost zu wissen, dass wir ihm fast fünf Jahre schenken durften, die ihn für die erste Lebenshälfte entschädigt haben.

Habt Mut! Sie haben doch nur uns!

Kontakte:
Kari wurde mir vermittelt durch Nadja Steinwachs / Auslandshundehilfe an der Dill.
Sookie kommt von SOKO Streuner e. V.
Thanu wurde uns vermittelt durch Stille Pfoten e. V.

Kommentare

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